Zweiter Aufzug

 

Einleitung und Szene I

Die Sängerhalle auf der Wartburg; nach hinten freie Aussicht auf den Burghof und das Tal.
Elisabeth.

 Q 

(kein)

<- Elisabeth

 

 

(tritt freudig bewegt ein)  

Dich, teure Halle, grüß’ ich wieder,

froh grüß’ ich dich, geliebter Raum!

In dir erwachen seine Lieder

und wecken mich aus düstrem Traum.

Da er aus dir geschieden,

wie öd’ erschienst du mir!

Aus mir entfloh der Frieden,

die Freude zog aus dir.

S

 

Wie jetzt mein Busen hoch sich hebet,  

so scheinst du jetzt mir stolz und hehr;

der dich und mich so neu belebet,

nicht länger weilt er ferne mehr.

Sei mir gegrüßt! Sei mir gegrüßt!

Du teure Halle, sei mir gegrüßt!

 
(Tannhäuser, von Wolfram geleitet, tritt mit diesem aus der Treppe im Hintergrunde auf.)
 

Szene II

Elisabeth. Tannhäuser. Wolfram.

<- Wolfram, Tannhäuser

 

WOLFRAM

Dort ist sie; nahe dich ihr ungestört!  

(Er bleibt, an die Mauerbrüstung des Balkons gelehnt, im Hintergrunde.)

TANNHÄUSER

(stürzt ungestüm zu Elisabeths Füßen)

O Fürstin!

ELISABETH

(in schüchterner Verwirrung)

Gott! Stehet auf! Laßt mich!

Nicht darf ich Euch hier sehn!

(Sie macht eine Bewegung sich zu entfernen.)

TANNHÄUSER

Du darfst! O bleib’ und lass’ zu deinen Füßen mich!

 

ELISABETH

(sich freundlich zu ihm wendend)  

So stehet auf!

Nicht sollt hier Ihr knien, denn diese Halle

ist Euer Königreich.

O, stehet auf!

Nehmt meinen Dank, daß Ihr zurückgekehrt!

 

ELISABETH

Wo weiltet Ihr so lange?

TANNHÄUSER

(sich langsam erhebend)

Fern von hier, in weiten, weiten Landen.

Dichtes Vergessen hat zwischen

heut und gestern sich gesenkt.

All mein Erinnern ist mir schnell geschwunden,

und nur des einen muß ich mich entsinnen,

daß nie mehr ich gehofft Euch zu begrüßen,

noch je zu Euch mein Auge zu erheben.

ELISABETH

Was war es dann, das Euch zurückgeführt?

TANNHÄUSER

Ein Wunder war’s,

ein unbegreiflich hohes Wunder!

ELISABETH

(freudig aufwallend)

Ich preise dieses Wunder aus meines Herzens Tiefe!

(sich mäßigend, - in Verwirrung)

Verzeiht, wenn ich nicht weiß, was ich beginne!

Im Traum bin ich, und tör’ger als ein Kind,

machtlos der Macht der Wunder preisgegeben.

Fast kenn’ ich mich nicht mehr; o, helfet mir,

daß ich das Rätsel meines Herzens löse!

 

Der Sänger klugen Weisen  

lauscht’ ich sonst wohl gern und viel;

ihr Singen und ihr Preisen

schien mir ein holdes Spiel.

Doch welch ein seltsam neues Leben

rief Euer Lied mir in die Brust!

Bald wollt’ es mich wie Schmerz durchbeben,

bald drang’s in mich wie jähe Lust;

Gefühle, die ich nie empfunden, -

verlangen, das ich nie gekannt!

Was einst mir lieblich, war verschwunden

vor Wonnen, die noch nie genannt!

Und als Ihr nun von uns gegangen,

war Frieden mir und Lust dahin;

die Weisen, die die Sänger sangen,

erschienen matt mir, trüb’ ihr Sinn;

im Traume fühlt’ ich dumpfe Schmerzen,

mein Wachen ward trübsel’ger Wahn:

die Freude zog aus meinem Herzen.

Heinrich! Heinrich! Was tatet Ihr mir an?

 

TANNHÄUSER

(begeistert)

Den Gott der Liebe sollst du preisen!

Er hat die Saiten mir berührt,

er sprach zu dir aus meinen Weisen,

zu dir hat er mich hergeführt!

ELISABETH

Gepriesen sei die Stunde,

gepriesen sei die Macht,

die mir so holde Kunde,

von Euer Näh’ gebracht!

Von Wonneglanz umgeben

lacht mir der Sonne Schein;

erwacht zu neuem Leben,

nenn’ ich die Freude mein!

Zusammen

TANNHÄUSER

Gepriesen sei die Stunde,

gepriesen sei die Macht,

die mir so holde Kunde,

aus deinem Mund gebracht.

Dem neu erkannten Leben

darf ich mich mutig weihn;

ich nenn’ in freud’gem Beben

sein schönstes Wunder mein!

 

WOLFRAM

(im Hintergrunde)  

So flieht für dieses Leben

mir jeder Hoffnung Schein!

 
(Tannhäuser trennt sich von Elisabeth; er geht auf Wolfram zu, umarmt ihn heftig und entfernt sich mit ihm durch die Treppe. Elisabeth blickt Tannhäuser vom Balkon aus nach.)

Wolfram, Tannhäuser ->

 

Szene III

Elisabeth. Der Landgraf.

<- Landgraf

 
Der Landgraf tritt aus einer Seitentüre Elisabeth eilt auf ihn zu und birgt ihr Gesicht an seiner Brust.
 

LANDGRAF

Dich treff’ ich hier in dieser Halle,  

die so lange du gemieden?

Endlich denn lockt dich ein Sängerfest,

das wir bereiten?

ELISABETH

Mein Oheim! O, mein güt’ger Vater!

LANDGRAF

Drängt es dich,

dein Herz mir endlich zu erschließen?

ELISABETH

Sieh mir ins Auge! Sprechen kann ich nicht.

 

LANDGRAF

Noch bleibe denn unausgesprochen  

dein süß Geheimnis kurze Frist;

der Zauber bleibe ungebrochen,

bis du der Lösung mächtig bist.

 

 

So sei’s! Was der Gesang so Wunderbares

erweckt und angeregt, soll heute er

enthüllen und mit Vollendung krönen;

die holde Kunst, sie werde jetzt zur Tat!

 
(Man hört Trompeten.)
 

 

Schon nahen sich die Edlen meiner Lande,

die ich zum seltnen Fest hieher beschied;

zahlreicher nahen sie als je, da sie gehört,

daß du des Festes Fürstin seist.

 

Szene IV

Trompeten. Der Landgraf und Elisabeth treten an den Balkon, um nach der Ankunft der Gäste zu sehen.

 
Vier Edelknaben treten auf und melden an. Sie erhalten vom Landgrafen Befehl für den Empfang usw.

<- Vier Edelknaben

 
Grafen, Ritter und Edelfrauen in reichem Schmucke werden durch Edelknaben eingeführt. Der Landgraf mit Elisabeth empfängt und begrüßt sie.

<- Grafen, Ritter, Edelfrauen

 

CHOR

Freudig begrüßen wir die edle Halle,    

wo Kunst und Frieden immer nur verweil’,

wo lange noch der frohe Ruf erschalle:

Thüringens Fürsten, Landgraf Hermann, Heil!

S

 
(Die Ritter und Frauen haben die von den Edelknaben ihnen angewiesenen, in einem weiten Halbkreise erhöhten Plätze eingenommen. Der Landgraf und Elisabeth nehmen im Vordergrunde unter einem Baldachin Ehrensitze ein.)
 
Trompeten. Die Sänger treten auf und verneigen sich feierlich mit Ritterlichem Gruße gegen die Versammlung; darauf nehmen sie in der leergelassenen Mitte des Saales die in einem engeren Halbkreise für sie bestimmten Sitze ein. Tannhäuser im Mittelgrunde rechts. Wolfram am entgegengesetzten Ende links, der Versammlung gegenüber.

<- Tannhäuser, Wolfram, Walther, Biterolf, Sänger

 

LANDGRAF

(erhebt sich)  

Gar viel und schön ward hier in dieser Halle

von euch, ihr lieben Sänger, schon gesungen;

in weisen Rätseln wie in heitren Liedern

erfreutet ihr gleich sinnig unser Herz. -

Wenn unser Schwert in blutig ernsten Kämpfen

stritt für des deutschen Reiches Majestät,

wenn wir den grimmen Welfen widerstanden

und dem verderbenvollen Zwiespalt wehrten:

so ward von euch nicht mindrer Preis errungen.

Der Anmut und der holden Sitte,

der Tugend und dem reinen Glauben

erstrittet ihr durch eure Kunst

gar hohen, herrlich schönen Sieg.

Bereitet heute uns denn auch ein Fest,

heut, wo der kühne Sänger uns zurückgekehrt,

den wir so ungern lang’ vermißten.

Was wieder ihn in unsre Nähe brachte,

ein wunderbar Geheimnis dünkt es mich;

durch Liedes Kunst sollt ihr es uns enthüllen,

deshalb stell’ ich die Frage jetzt an euch:

könnt ihr der Liebe Wesen mir ergründen?

Wer es vermag, wer sie am würdigsten besingt,

dem reich’ Elisabeth den Preis;

er fordre ihn so hoch und kühn er wolle,

ich sorge, daß sie ihn gewähren solle. -

Auf, liebe Sänger! Greifet in die Saiten!

Die Aufgab’ ist gestellt, kämpft um den Preis,

und nehmet all im voraus unsren Dank!

 
(Trompeten.)
 

CHOR DER RITTER UND EDELFRAUEN

Heil! Heil! Thüringens Fürsten Heil!

Der holden Kunst Beschützer Heil!

 
(Alle setzen sich. Vier Edelknaben treten vor, sammeln in einem goldenen Becher von jedem der Sänger seinen auf ein zusammengerolltes Blättchen geschriebenen Namen ein; darauf reichen sie den Becher Elisabeth, welche eines der Blättchen herauszieht und es den Edelknaben reicht. Diese lesen, treten feierlich in die Mitte und rufen.)
 

VIER EDELKNABEN

Wolfram von Eschinbach beginne!

 
(Sie setzen sich zu Füßen des Landgrafen und Elisabeths nieder. Wolfram erhebt sich. Tannhäuser stützt sichauf seine Harfe und scheint sich in Träumereien zu verlieren.)
 
Der Sängerkrieg.
 

WOLFRAM

Blick’ ich umher in diesem edlen Kreise,    

welch hoher Anblick macht mein Herz erglühn!

So viel der Helden, tapfer, deutsch und weise,

ein stolzer Eichwald, herrlich, frisch und grün,

und hold und tugendsam erblick’ ich Frauen,

lieblicher Blüten düftereichster Kranz.

Es wird der Blick wohl trunken mir vom Schauen,

mein Lied verstummt vor solcher Anmut Glanz.

Da blick’ ich auf zu einem nur der Sterne,

der an dem Himmel, der mich blendet, steht:

es sammelt sich mein Geist aus jeder Ferne,

andächtig sinkt die Seele in Gebet.

Und sieh! Mir zeiget sich ein Wunderbronnen,

in den mein Geist voll hohen Staunens blickt;

aus ihm er schöpfet gnadenreiche Wonnen,

durch die mein Herz er namenlos erquickt.

Und nimmer möcht’ ich diesen Bronnen trüben,

berühren nicht den Quell mit frevlem Mut:

in Anbetung möcht’ ich mich opfernd üben,

vergießen froh mein letztes Herzensblut!

Ihr Edlen mögt in diesen Worten lesen,

wie ich erkenn’ der Liebe reinstes Wesen.

(Er setzt sich.)

S

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RITTER UND FRAUEN

(in beifälliger Bewegung)  

So ist’s! So ist’s! So ist’s!

Gepriesen sei dein Lied!

TANNHÄUSER

(der gegen das Ende von Wolframs Gesange wie aus dem Traume auffuhr, erhebt sich schnell)

Auch ich darf mich so glücklich nennen

zu schau’n, was, Wolfram, du geschaut!

Wer sollte nicht den Bronnen kennen?

Hör’, seine Tugend preis’ ich laut! -

 

Doch ohne Sehnsucht heiß zu fühlen  

ich seinem Quell nicht nahen kann,

des Durstes Brennen muß ich kühlen,

getrost leg’ ich die Lippen an:

in vollen Zügen trink’ ich Wonnen,

in die kein Zagen je sich mischt,

denn unversiegbar ist der Bronnen,

wie mein Verlangen nie erlischt.

So, daß mein Sehnen ewig brenne,

lab’ an dem Quell ich ewig mich.

Und wisse, Wolfram, so erkenne

der Liebe wahrstes Wesen ich!

(Er setzt sich.)

 
(Elisabeth macht eine Bewegung, ihren Beifall zu bezeigen; da aber alle Zuhörer in ernstem Schweigen verharren, hält sie sich schüchtern zurück.)
 

WALTHER

(erhebt sich)  

Den Bronnen, den uns Wolfram nannte,

ihn schaut auch meines Geistes Licht:

doch, der in Durst für ihn entbrannte,

du, Heinrich, kennst ihn wahrlich nicht.

Laß dir denn sagen, laß dich lehren:

der Bronnen ist die Tugend wahr,

du sollst in Inbrunst ihn verehren

und opfern seinem holden Klar.

Legst du an seinen Quell die Lippen,

zu kühlen frevle Leidenschaft,

ja, wolltest du am Rand nur nippen,

wich’ ewig ihm die Wunderkraft!

Willst du Erquickung aus dem Bronnen haben,

mußt du dein Herz, nicht deinen Gaumen laben.

(Er setzt sich.)

 

DIE ZUHÖRER

(in lautem Beifall)

Heil! Heil! Heil, Walter! Preis sei deinem Liede!

TANNHÄUSER

(sich heftig erhebend)

O Walter, der du also sangest,

du hast die Liebe arg entstellt!

Wenn du in solchem Schmachten bangest,

versiegte wahrlich wohl die Welt.

 

Zu Gottes Preis in hoch erhab’ne Fernen,  

blickt auf zum Himmel, blickt auf zu seinen Sternen!

Anbetung solchen Wundern zollt,

da ihr sie nicht begreifen sollt!

Doch was sich der Berührung beuget,

euch Herz und Sinnen nahe liegt,

was sich, aus gleichem Stoff erzeuget,

in weicher Formung an euch schmiegt, -

dem ziemt Genuß in freud’gem Triebe,

und im Genuß nur kenn’ ich Liebe!

 
(Große Aufregung unter den Zuhörern.)
 

BITEROLF

(erhebt sich schnell und zornig)

Heraus zum Kampfe mit uns allen!

Wer bliebe ruhig, hört er dich?

Wird deinem Hochmut es gefallen,

o höre, Lästrer, nun auch mich!

 

Wenn mich begeistert hohe Liebe,  

stählt sie die Waffen mir mit Mut;

daß ewig ungeschmäht sie bliebe,

vergöss’ ich stolz mein letztes Blut.

Für Frauenehr’ und hohe Tugend

als Ritter kämpf’ ich mit dem Schwert;

doch, was Genuß beut’ deiner Jugend,

Ist wohlfeil, keines Streiches wert.

 

DIE ZUHÖRER

(in tobendem Beifalle)

Heil, Biterolf! Hier unser Schwert!

TANNHÄUSER

(in immer steigender Hitze aufspringend)

Ha, tör’ger Prahler, Biterolf!

Singst du von Liebe, grimmer Wolf?

Gewißlich hast du nicht gemeint,

was mir genießenswert erscheint.

Was hast du Ärmster wohl genossen?

Dein Leben war nicht liebereich,

und was von Freuden dir entsprossen,

das galt wohl wahrlich keinen Streich!

 
(Zunehmende Aufregung unter den Zuhörern.)
 

RITTER

(von verschiedenen Seiten)

Laßt ihn nicht enden! - Wehret seiner Kühnheit!

LANDGRAF

(zu Biterolf, der nach dem Schwerte greift)

Zurück das Schwert! Ihr Sänger, haltet Frieden!

WOLFRAM

(erhebt sich in edler Entrüstung. Bei seinem Beginn tritt sogleich wieder Ruhe ein.)

O Himmel, laß dich jetzt erflehen,

Gib meinem Lied der Weihe Preis!

Gebannt laß mich die Sünde sehen

aus diesem edlen, reinen Kreis!

 

 

Dir, hohe Liebe, töne  

begeistert mein Gesang,

die mir in Engelsschöne

tief in die Seele drang!

Du nahst als Gottgesandte,

ich folg’ aus holder Fern’:

so führst du in die Lande,

wo ewig strahlt dein Stern.

 

TANNHÄUSER

(springt auf, in äußerster Verzückung)  

Dir, Göttin der Liebe, soll mein Lied ertönen!

Gesungen laut sei jetzt dein Preis von mir!

Dein süßer Reiz ist Quelle alles Schönen,

und jedes holde Wunder stammt von dir.

Wer dich mit Glut in seine Arme geschlossen,

was Liebe ist, kennt der, nur der allein!

Armsel’ge, die ihr Liebe nie genossen,

zieht hin, zieht in den Berg der Venus ein!

 
(Allgemeiner Aufbruch und Entsetzen.)
 

LANDGRAF, SÄNGER, RITTER UND EDELFRAUEN

Ha, der Verruchte! Fliehet ihn!  

Hört es! Er war im Venusberg!

EDELFRAUEN

Hinweg! Hinweg aus seiner Näh’!

 
(Alle Frauen verlassen in größter Bestürzung und mit Gebärden des Abscheus die Halle. Elisabeth, welche

Edelfrauen ->

dem Verlaufe des Streites in furchtbar wachsender Angst zugehört hatte, bleibt von den Frauen allein zurück, - bleich, nur mit dem größten Aufwand ihrer Kraft an einer der hölzernen Säulen des Baldachins sich aufrecht erhaltend. - Der Landgraf, alle Ritter und Sänger haben ihre Sitze verlassen und treten zusammen. Tannhäuser zur äußersten Linken verbleibt noch eine Zeitlang wie in Verzückung.)
 

LANDGRAF, RITTER UND SÄNGER

Ihr habt’s gehört! Sein frevler Mund  

tat das Verbrechen schrecklich kund.

Er hat der Hölle Lust geteilt,

Im Venusberg hat er geweilt! -

Entsetzlich! Scheußlich! Fluchenswert!

In seinem Blute netzt das Schwert!

Zum Höllenpfuhl zurückgesandt,

sei er gefemt, sei er gebannt!

 
(Alle stürzen mit entblößten Schwertern auf Tannhäuser ein, welcher eine trotzige Stellung einnimmt.
Elisabeth wirft sich mit einem herzzerreißenden Schrei dazwischen und deckt Tannhäuser mit ihrem Leib.)
 

ELISABETH

Haltet ein!

 
(Bei ihrem Anblick halten alle in größter Betroffenheit an.)
 

LANDGRAF, RITTER UND SÄNGER

Was hör’ ich? (Was seh ich?) Wie, Elisabeth!

Die keusche Jungfrau für den Sünder?

ELISABETH

Zurück! Des Todes achte ich sonst nicht!

Was ist die Wunde eures Eisens gegen

den Todesstoß, den ich von ihm empfing?

LANDGRAF, RITTER, SÄNGER

Elisabeth! Was muß ich hören?

Wie ließ dein Herz dich so betören,

von dem die Strafe zu beschwören,

der doch so furchtbar dich verriet?

ELISABETH

Was liegt an mir? Doch er - sein Heil!

Wollt ihr sein ewig Heil ihm rauben?

LANDGRAF, RITTER, SÄNGER

Verworfen hat er jedes Hoffen,

niemals wird ihm des Heils Gewinn!

Des Himmels Fluch hat ihn getroffen!

In seinen Sünden fahr’ er hin!

 
(Sie dringen von neuem auf Tannhäuser ein.)
 

ELISABETH

Zurück von ihm! Nicht ihr seid seine Richter!

Grausame! Werft von euch das wilde Schwert!

Und gebt Gehör der reinen Jungfrau Wort!

Vernehmt durch mich, was Gottes Wille ist!

 

Der Unglücksel’ge, den gefangen  

ein furchtbar mächt’ger Zauber hält,

wie? sollt’ er nie zum Heil gelangen

durch Sühn’ und Buß’ in dieser Welt?

Die ihr so stark im reinen Glauben,

verkennt ihr so des Höchsten Rat?

Wollt ihr des Sünders Hoffnung rauben,

so sagt, was euch er Leides tat?

Seht mich, die Jungfrau, deren Blüte

mit einem jähen Schlag er brach,

die ihn geliebt tief im Gemüte,

der jubelnd er das Herz zerstach!

Ich fleh’ für ihn, ich flehe für sein Leben,

zur Buße lenke er Reuevoll den Schritt!

Der Mut des Glaubens sei ihm neu gegeben,

daß auch für ihn einst der Erlöser litt!

 

TANNHÄUSER

(nach und nach von der Höhe seiner Aufregung und seines Trotzes herabgesunken, durch Elisabeths Fürsprache auf das heftigste ergriffen, sinkt in Zerknirschung zusammen.)

Weh! Weh mir Unglücksel’gem!

 

LANDGRAF, RITTER UND SÄNGER

(allmählich beruhigt und gerührt)  

Ein Engel stieg aus lichtem Äther,

zu künden Gottes heil’gen Rat.

Blick hin, du schändlicher Verräter,

werd inne deiner Missetat!

Du gabst ihr Tod, sie bittet für dein Leben;

wer bliebe rauh, hört er des Engels Flehn?

Darf ich auch nicht dem Schuldigen vergeben,

dem Himmelswort kann ich nicht widerstehn.

TANNHÄUSER

Zum Heil den Sündigen zu führen,

die Gottgesandte nahte mir;

doch, ach! Sie frevelnd zu berühren,

hob ich den Lästerblick zu ihr!

O du, hoch über diesen Erdengründen,

die mir den Engel meines Heils gesandt,

erbarm’ dich mein, der ach! so tief in Sünden

schmachvoll des Himmels Mittlerin verkannt!

erbarm’ dich mein! Erbarm’ dich mein!

Ach, erbarm’ dich mein!

LANDGRAF, SÄNGER UND RITTER

Darf ich auch nicht dem Schuldigen vergeben,

dem Himmelswort kann ich nicht widerstehn.

Dem Himmelswort!

ELISABETH

Ich fleh’ für ihn, ich flehe für sein Leben!

Der Mut des Glaubens sei ihm neu gegeben,

daß auch für ihn einst der Erlöser litt!

Auch für ihn, auch für ihn!

Zusammen

TANNHÄUSER

Erbarm’ dich mein! der ach! so tief in Sünden,

schmachvoll des Himmels Mittlerin verkannt!

Erbarm’ dich mein! Ah, erbarm’ dich mein!

 

LANDGRAF

(feierlich in die Mitte tretend)  

Ein furchtbares Verbrechen ward begangen,

es stahl mit heuchlerischer Larve sich

zu uns der Sünde fluchbeladner Sohn. -

Wir stoßen dich von uns, bei uns darfst du

nicht weilen. Schmachbefleckt ist unser Herd

durch dich, und dräuend blickt der Himmel selbst

auf dieses Dach, das dich zu lang’ schon birgt.

Zur Rettung doch vor ewigem Verderben

steht offen dir ein Weg, von mir dich stoßend,

zeig’ ich ihn dir: - nütz’ ihn zu deinem Heil!

 

 

Versammelt sind aus meinem Landen  

bußfert’ge Pilger, stark an Zahl;

die ältren schon voran sich wandten,

die jüngren rasten noch im Tal.

Nur um geringer Sünde willen

ihr Herz nicht Ruhe ihnen läßt,

der Buße frommen Drang zu stillen

ziehn sie nach Rom zum Gnadenfest.

LANDGRAF, SÄNGER UND RITTER

Mit ihnen sollst du wallen

zur Stadt der Gnadenhuld,

im Staub dort niederfallen

und büßen deine Schuld;

vor ihm stürz’ dich danieder,

der Gottes Urteil spricht!

Doch kehre nimmer wieder,

ward dir sein Segen nicht!

Mußt’ unsre Rache weichen,

weil sie ein Engel brach,

dies Schwert wird dich erreichen,

harrst du in Sünd’ und Schmach!

LANDGRAF, SÄNGER UND RITTER

Dies Schwert wird dich erreichen!

Mußt’ unsre Rache weichen,

weil sie ein Engel brach,

dies Schwert wird dich erreichen,

harrst du in Sünd’ und Schmach!

ELISABETH

Lass’ hin zu dir ihn wallen,

du Gott der Gnad’ und Huld!

Ihm, der so tief gefallen,

vergib der Sünden Schuld!

Für ihn nur will ich flehen,

mein Leben sei Gebet!

Lass’ ihn dein Leuchten sehen,

eh’ er in Nacht vergeht!

Mit freudigem Erbeben

lass’ dir ein Opfer weihn:

nimm hin, o nimm mein Leben!

Ich nenn’ es nicht mehr mein!

Zusammen

TANNHÄUSER

Wie soll ich Gnade finden?

Wie büßen meine Schuld?

Mein Heil sah ich entschwinden,

mich flieht des Himmels Huld.

Doch will ich büßend wallen,

zerschlagen meine Brust,

im Staube niederfallen;

Zerknirschung sei mir Lust:

O, daß nur er versöhnet,

der Engel meiner Not,

der sich, so frech von mir verhöhnet,

zum Opfer doch mir bot!

 

GESANG DER JÜNGEREN PILGER

(aus dem Tale heraufschallend)  

Am hohen Fest der Gnad’ und Huld,

in Demut sühn’ ich meine Schuld!

Gesegnet, wer im Glauben treu!

Er wird erlöst durch Buß’ und Reu’.

 
(Alle haben unwillkürlich ihre Gebärden gemäßigt. Elisabeth, wie um Tannhäuser nochmals zu schützen, hatte sich den von neuem Andringenden entgegengestellt; sie verweist jetzt auf den verheißungsvollen Gesang der jungen Pilger.)
 

TANNHÄUSER

(hält plötzlich in den Bewegungen der leidenschaftlichsten Zerknirschung ein und lauscht dem Gesang. Ein jäher Hoffnungsstrahl leuchtet ihm; er stürzt sich mit krampfhafter Heftigkeit zu Elisabeths Füßen, küßt inbrünstig hastig den Saum ihres Gewandes und bricht dann vor ungeheurer Erregung taumelnd auf mit dem Rufe:)

Nach Rom!

(Er eilt ab.)

Tannhäuser ->

 

ALLE

(ihm nachrufend)

Nach Rom!

 
(Der Vorhang fällt schnell.)
 

Ende (Zweiter Aufzug)

Erster Aufzug Zweiter Aufzug Dritter Aufzug

Die Sängerhalle auf der Wartburg; nach hinten freie Aussicht auf den Burghof und das Tal.

 
<- Elisabeth

Dich, teure Halle, grüß’ ich wieder

Elisabeth
<- Wolfram, Tannhäuser

Dort ist sie; nahe dich ihr ungestört!

Elisabeth und Tannhäuser
Der Sänger klugen Weisen

So flieht für dieses Leben

Elisabeth
Wolfram, Tannhäuser ->
Elisabeth
<- Landgraf

Dich treff’ ich hier in dieser Halle

Elisabeth, Landgraf
<- Vier Edelknaben
Elisabeth, Landgraf, Vier Edelknaben
<- Grafen, Ritter, Edelfrauen
Elisabeth, Landgraf, Vier Edelknaben, Grafen, Ritter, Edelfrauen
<- Tannhäuser, Wolfram, Walther, Biterolf, Sänger

Gar viel und schön ward hier in dieser Halle

So ist’s! So ist’s! So ist’s!

Ha, der Verruchte! Fliehet ihn!

Elisabeth, Landgraf, Vier Edelknaben, Grafen, Ritter, Tannhäuser, Wolfram, Walther, Biterolf, Sänger
Edelfrauen ->

Ihr habt’s gehört! Sein frevler Mund

Landgraf, Ritter und Sänger, Tannhäuser, Elisabeth
Ein Engel stieg aus lichtem Äther

Ein furchtbares Verbrechen ward begangen

Landgraf, Sänger und Ritter, Tannhäuser, Elisabeth
Versammelt sind aus meinem Landen
Gesang der jüngeren Pilger
Am hohen Fest der Gnad’ und Huld

Elisabeth, Landgraf, Vier Edelknaben, Grafen, Ritter, Wolfram, Walther, Biterolf, Sänger
Tannhäuser ->

 
Einleitung und Szene I Szene II Szene III Szene IV
Die Bühne stellt das Innere des Venusberges dar. Weite Grotte, welche sich im Hintergrunde durch... Ein schönes Tal versetzt. Blauer Himmel, heitere Sonnenbeleuchtung. Rechts im Hintergrunde die Wartburg,... Die Sängerhalle auf der Wartburg; nach hinten freie Aussicht auf den Burghof und das Tal. Tal vor der Wartburg, links der Hörselberg, wie am Schlusse des ersten Aufzugs, nur in herbstlicher Färbung....
Erster Aufzug Dritter Aufzug

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